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1.11.2014 : 11:55

Der neue Pate von Gostenhof

Unternehmer Alexander Brochier nimmt das Viertel unter seine Fittiche

GOSTENHOF - Er will sein Revier aufmischen und den Bewohnern des Stadtteils Angebote machen, die sie nicht ablehnen können: Alexander Brochier, der neue Pate von Gostenhof, spricht mit dem Stadtanzeiger über erfolgreiche Projektarbeit, brachliegende Potenziale und Mangelndes Privat-Engagement.

Stadtteilpate Alexander Brochier steht mitten in seinem neuen Kiez auf der Gostenhofer-Hauprstrasse. [Foto: Michael Matejka]

 

Herr Brochier, statt einzelnen Menschen zu helfen oder Projekte zu fördern, wollen sie als Stadtteilpate gleich ein ganzes Viertel unter Ihre Fittiche nehmen. Wieso ausgerechnet Gostenhof?

Alexander Brochier: Zum einen engagiere ich mich hier bereits seit längerer Zeit. Die ersten Kontakte zum Stadtteil entstanden schon vor Jahren durch die Zusammenarbeit mit Einrichtungen wie der Aktiven Kinderwerkstatt oder der Stiftung Stadtökologie. Zum anderen ist Gostenhof einfach ein tolles Viertel...

...inwiefern?

Brochier: Es ist einer der lebendigsten Stadtteile Nürnbergs. Mir gefällt, das auf den Straßen hier so viel Leben pulsiert. Ich mag dieses südländische Flair. Das liegt bestimmt an meinem familiären Hintergrund. Ich habe nämlich italienisch-französische Vorfahren. Die Kneipenkultur im Viertel ist großartig, man kann hier sehr gut essen, einkaufen und leben.

Und was ist mit den Schattenseiten des Stadtteils?

Brochier: Der Anteil der Menschen, die von Hartz IV leben müssen, ist zum Beispiel sehr hoch. Zugleich ist es auch der Stadtteil mit der jüngsten Bevölkerung in Nürnberg. Deshalb wird mein Hauptansatz als Stadtteilpate bei Kindern und Jugendlichen liegen. Wir müssen ihre Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe ausbauen und ihnen mehr Zugang zu kulturellen und sportlichen Angeboten verschaffen. Vor allem aber gilt es, ihre Bildungschancen zu verbessern.

Ein ehrgeiziges Ziel, das durch den hohen Migrantenanteil schwer zu erreichen ist.

Brochier: Genau deshalb müssen wir bei der Bildung ansetzen, denn die ist der Anfang aller Integration. Auch die Lösung für Probleme mit Alkohol oder Gewalt liegt hier. Natürlich wird dazu viel Elternarbeit erforderlich sein. Die Stadtteilkoordinatorin Birgit Vietzke hat dazu schon sehr viel in der Pipeline, für das bislang nur oft die Mittel fehlten.

Und die soll jetzt der Stadtteilpate liefern?

Brochier: Mein Ziel wird es vor allem sein, möglichst viele Förderer zu gewinnen.

Warum sollte jemand Geld in Gostenhofer Hauptschüler investieren?

Brochier: Weil wir es uns schlicht nicht leisten können, dass auch nur ein einziges Kind ohne Abschluss die Schule verlässt. Es steht doch fest, dass uns in Deutschland die Arbeitskräfte ausgehen. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann es soweit ist.

Gegen Fachkräftemangel helfen doch keine Hauptschulen?


Brochier: Wieso nicht? Grundsätzlich gibt es an einer Hauptschule wie der Preisslerschule genauso viele Talente wie an jeder weiterführenden Schule. Es kommt nur darauf an, diese zu finden und zu fördern. Als Unternehmer lebe ich im Übrigen von Hauptschülern und weiß, dass es das Handwerk demnächst schwer haben wird, Leute zu bekommen.

Haben sie schon neue Projekt-Ideen, wie sie den Jugendlichen helfen wollen?

Brochier: Nein, ich hasse Innovationen.

Wie bitte?

Brochier: Man muss das Rad doch nicht neu erfinden. Ich bin überzeugt, dass es für jedes Problem auf der Welt längst irgendwo eine passende Lösung gibt. Bei „Kinder Stiften Zukunft“ haben sich 120 Projekte vorgestellt. Die lagen zum Teil nur 50 Kilometer auseinander, hatten aber nie voneinander gehört. Dabei müsste man sich nur umschauen und die erfolgreichsten Projekte in der Fläche verbreiten. Auf diese Weise vermeidet man auch die Anlaufschwierigkeiten der anderen. Gerade in Gostenhof gibt es schon eine Menge erfolgreicher Strukturen, die ich unterstützen will.

Zum Beispiel?

Brochier: Das GOHO-Team etwa leistet tolle Arbeit. Man muss einen Weg finden, damit die weitermachen können.

Welche konkreten Ziele hat der Stadtteilpate sonst noch?

Brochier: Meine Stiftung und ich werden uns zum Beispiel im April am Bildungstag beteiligen, das Straßenfest „700 Jahre Gostenhof“ unterstützen. Wichtig sind auch die Sanierung des Spielplatzes auf dem Linde-Gelände und ein neuer Bolzplatz. Im Auge habe ich darüber hinaus eine PlakatAktion, die die Identifikation mit dem Stadtteil fördert, und eine „Soziale Nacht“ bei der alle sozialen Einrichtungen des Viertels sich präsentieren

Obwohl Sie 25000 Euro einbringen, sind sie auf viele weitere Förderer angewiesen und sollen noch andere dafür gewinnen, ebenfalls Stadtteilpaten zu werden. Ist das realistisch?

Brochier: Leider haben wir in Deutschland keine Kultur des Schenkens, wie etwa in Amerika. Viele verdrängen, dass Reichtum nur auf Zeit ist und sie nichts mit ins Grab nehmen können. Keinen einzigen Groschen. Es fehlt zudem sozialer Druck: Wer vermögend ist und nicht spendet, müsste schief angeschaut werden.

Haben Sie die millionenschwere Brochier-Stiftung deswegen ins Leben gerufen?

Brochier: Nein. Ich stand damals vor der Frage, wie ich bei meinen Mitmenschen nach meinem Tod in Erinnerung bleiben möchte. Da habe ich dann beschlossen, dass ich dazu etwas Sinnvolleres hinterlassen muss als ein Unternehmen. Eitelkeit spielt also durchaus eine Rolle. An eine bestehende Hilfsorganisation zu spenden kam für mich nicht in Frage, weil ich misstrauisch bin und sehen will, was mit meinem Geld passiert. Ein weiterer Beweggrund war schließlich mein schlechtes Gewissen.

Ein schlechtes Gewissen? Weswegen?

Brochier: Weil ich im Leben mehr Glück hatte, als die meisten anderen Menschen. Was ich habe, hätte ich nie erreichen können, wenn ich zum Beispiel in einem armen Land oder unter ungünstigen Familienverhältnissen auf die Welt gekommen wäre. Jeder, der es zu etwas bringt, sollte sich daher stets bewusst darüber sein, wie viel Glück hinter seinem Erfolg steckt.

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